Im Jahr 2009 gab es eine Reihe von national und international wichtigen Jubiläen: 500 Jahre Johannes Calvin, das Darwin Jahr, 90 Jahre seit Gründung der ersten Demokratie auf Deutschem Boden, 20 Jahre Fall der Mauer aber auch ein Jubiläum von eher lokaler Bedeutung: Vor 880 Jahren wurde Beilstein im Westerwald erstmals urkundlich erwähnt. In einer Urkunde des Klosters Lorsch trat 1129 ein Kraft von Bilstein als Zeuge auf. 

 

Bis dahin war das Land zwischen Lahn und Dill sicher nicht menschenleer und unzivilisiert. Funde seit der Steinzeit belegen eine Besiedlung. Auf dem Hügel „Schmalburg“ mag es sogar eine kleine keltische Hügelbefestigung gegeben haben. „Schmalburg" im Sinne vom englischen „small“ = klein als uralter Flurnamen und der Fund einer laténezeitllichen Glasperle in der Nähe legen diese Vermutung nahe, die nicht mehr zu überprüfen ist, da die gesamte Hügelkuppe dem Basaltabbau zum Opfer fiel.

 

Wenn es eine solche Befestigung gab, war sie sicher Teil der Kette von keltischen Höhenbefestigungen, die das wichtige Erzverarbeitungsgebiet zwischen Lahn, Dill und Sieg und die großen Nord-Süd-Handelswege schützten, und von denen Dünsberg, Steinringsberg und Dornburg zu den bekannteren zählen. Überall im Westerwald finden sich alte Köhlerplätze und Rennöfen zur Eisengewinnung und die Entwaldung des Westerwaldes ist der Eisenverarbeitung zu verdanken.  Für die Verabeitung von 1 Wagen Eisenerz waren bis zu 10 Wagen Holzkohle nötig.

 

Die Römer sind auch wirklich nicht dauerhaft in unsere Region vorgedrungen. Waldgirmes war die einzige Siedlung jenseits der Lahn und der Limes berührt nur im äußersten Westen den Westerwald zwischen Neuwied und Bad Ems. So ist der keltische Einfluss in unserer Heimat immer noch zum Beispiel aus den Gewässernamen abzulesen: Olmena (Ulmbach), Logena (Lahn) und viele andere.

 

Das Christentum kam in der Frankenzeit in unsere Gegend: Ausgehend von den großen alten Zentren in Mainz, Trier, Worms und Klöstern wie Lorsch kamen Missionare in den Lahngau und die Seitentäler. Die ältesten Kirchen im Bereich der Großgemeinde Greifenstein stehen bzw. standen in Ulm, Nenderoth und im Beilsteiner Ortsteil Wallendorf. Dort sind im 8. Jahrhundert die Herren von Wallendorf erstmals erwähnt, die sich später  Walderdorf nannten und bedeutende Politiker und Kirchenfürsten, so Bischöfe in Speyer und Trier, zu ihren Nachkommen zählten und heute ihren Stammsitz Molsberg bei Westerburg haben. Sie hatten noch bis ins 20. Jahrhundert Landbesitz im Bereich der Gemeinde.

 

Die Beilsteiner selbst entstammen wohl einem Geschlecht wohlhabender fränkischer Siedler und waren unter anderem mit den Merenbergern und den Gleibergern verwandt. Der Kalenberger Zehnt, ein ausgedehnter Gerichtsbezirk zwischen Ulmbac, Lahn und Mengerskirchen, war ein Wormser Lehen, seit dem 9. Jahrhundert, das die Herren von Beilstein verwalteten. Die Ersterwähnung in einer Lorscher Urkunde (ebenso wie auch die Wallendorfer zuvor) belegt, dass die Kirche, oder genauer das Kloster Lorsch und das Hochstift Worms ausgedehnte Besitzungen in der Region hatten und als Lehen an einheimische Geschlechter vergaben. Auch die Gründer der Burgen von Greifenstein und Lichtenstein, ebenfalls Beilsteiner Dynasten, hatten diese als Lehen von Lorsch bzw. Worms.

 

Erst die Nassauer, die diesen ehemaligen Besitz der Beilsteiner nach und nach durch Heirat, Erbteilung, Kauf und auch Eroberung erwarben, waren souveräne Landesherren. Die Nachfahren der Beilsteiner und der von  ihnen ausgehenden Greifensteiner und Lichtensteiner verlieren sich im 13. und frühen 14. Jahrhundert als Stadtbürger in Wetzlar und Köln aus den Urkunden.  Dies ist ein Vorgang, der zu dieser Zeit überall zu beobachten ist: Die alten lokalen Adelsgeschlechter und Grundherren verschwinden und verkaufen oder verlieren ihren Besitz (Dernbacher Fehde) an die großen Territorialherren, die auf diese Weise möglichst geschlossene Herrschaftsgebiete erwerben wie die Nassauer zwischen Taunus und Sieg. Für die ottonische Linie des Hauses Nassau war der Besitz des Kalenberger Zehnts wichtig als Verbindung der alten Gebeite an der Lahn und er neuen gebiete um Dillenburg und Herborn. So wurde 1341 aus dem kaelberger zehnt und der Herrschaft zum Westerwald die Grafschaft Nassau Beilstein geformt, wobei Beilstein zum Verwaltungsmittelpunkt des Gebietes zwischen Liebenscheid, Bad Marienberg und der Lahn wurde. 1321 bekam Beilstein von Kaiser Friedrich von Österreich gemeinsam mit Mengerskirchen und Löhnberg die Stadtrechte verliehen, noch vor der Nassauer Residenz Dillenburg. Diese Stadtrechte wurden 1644 nach Erlöschen der Grafschaft Nassau Beilstein von der Diezer Verwaltung eingezogen und später gelöscht. Zuvor hatte war die Stadt zwar Verwaltungsmittelpunkt und die Bürger hatten etliche Freiheiten von Diensten und Abgaben, aber es entstand nie eine Stadt mit entsprechendem Gewerbe und Handel. Eine Befestigung um den alten Orstkern, auch dies ein Stadtrecht, bestand wohl und der untere Teil des Turms der Schlosskirche war wohl ursprünglich Teil dieser Befestigung. Deshalb steht er der Turm auch verdreht gegen das Kirchenschiff und im untersten Geschoss ist noch die zugemauerte Durchfahrt sichtbar.

 

Nach dem die erste Nassau Beilsteiner Linie 1561 erloschen war, fiel das Erbe am Johann VI. von Dillenburg und ein Großteil der Wertgegenstände und der Waffen der Burg Beilstein wurden für den Freiheitskampf der Niederlande eingesetzt, so auch die Kanonen der Burg. Ab 1606 gab es bis zum Tode Graf Georgs, des dritten Sohnes von Johann VI 1623 nochmals eine Grafschaft Nassau Beilstein, die dann durch Erbteilung an Nassau Diez fiel. Diesem Familienzweig, und nicht der direkten Nachkommenschaft Wilhelms von Oranien, entstammt auch das holländische Königshaus, so dass die Königin der Niederlande unter anderen Titeln auch Herrin von Beilstein ist, was die wenigsten  holländischen Touristen wissen, die Siegen Dillenburg, Nassau und Diez besuchen.

So war auch Beilstein ab 1670 Münzstätt von Nassau Diez und im siebenjährigen Krieg war das nassauische Staatsarchiv in der Burg untergebracht und fiel so nicht der Zerstörung von Dillenburg (1760) zum Opfer. Es befindet sich heute weitgehend in DenHaag. Bis 1782 (Abtrennung des Amtes Marienberg) bzw 1790 (Eingliederung von Beilstein in das Amt Driedorf) blieb Beilstein Verwaltungsmittelpunkt des östlichen  Westerwaldes. Seit der Gebietsreform 1977 ist es Verwaltungssitz der Großgemeinde Greifenstein, der mit Greifenstein und den Ulmtalgemeinden auch ehemals Solmser (bzw. preußische) Dörfer angehören.

 

Die Informationen stammen aus der Ortsgeschichte von Volker Görlich (1978) und dem Buch Beilstein im Westerwald (2002), hier besonders dem Kapitel über das Schloss und die Herren von Nassau von Dr. Armin Scheufler. Dr. Armin Scheufler und Volker Görlich bin ich darüber hinaus dankbar für viele Detailinformationen über die Geschichte von Burg und Ort. Die Informationen über die Schmalburg stammen von Wolfgang Donner, der im Rahmen der Flurnamenwanderungen auf diesen Gemarkungsteil und seine Bedeutung hinwies.

 

Dr. Klaus Schmidt, Beilstein

 

25. 11. 2009

 

Vor 880 Jahren wurde Beilstein erstmals urkundlich erwähnt..