Erbleih-und Wirtschaftshof in Beilstein (1564-2015)

  Ein Bericht von Brigitte Funk

 

In Beilstein gab es einen landwirtschaftlichen Großbesitz, der dem Landesherrn selbst gehörte:

Der herrschaftliche Wirtschaftshof- auch Viehhof- später Erbleihhof genannt.

Dieser sorgte für die Naturalien der gräflichen Familie. Er wurde erstmals 1564 als Viehhof erwähnt und lag an der Strasse nach Haiern. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist von den Landesherren aus drei aufgekauften Adelshöfen und deren Ländereien gebildet worden.

Zu dem Hofgebäude gehörten: 1 Kuhstall, 1 Kälberstall, 1 Ochsenstall, die untere Scheune und die Zehntscheune.

Viele Bewohner der Dörfer der Herrschaft Beilstein vom Ober-und Unterkirchspiel

mussten für diesen Hof Frondienste leisten.

 

 

 

 

 

                                                                                           

                                                                                                                

                                                                                                          

                                                                                                        Frondienste 

                                                                                                            auf dem

                                                                                                                 Wirtschaftshof

                                                                                                                 in Beilstein

                                                                                                                 im Jahr 1564

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Archiv HGV

Neben den Zehntabgaben entwickelte sich im Verlauf des Mittelalters eine weitere große Anzahl von Abgaben, die zu leisten waren. ( z.B. Kuh-, Hafer-, Buttergeld ).

Im Jahre 1571 verlieh Graf Johann VI. von Nassau Dillenburg den Viehhof für 6 Jahre an Johann Pfaff. Die jährliche Pacht betrug 400 fl. Zur Vergrößerung der Wirtschafts-fläche kaufte der Graf 1579 Äcker in der Gemeinde Wallendorf. Unter ihm wurden die Frondienste offiziell eingestellt. Doch bei Engpässen mussten dieUntertanen nach wie vor einspringen und unentgeltlich arbeiten.

 

Zu dieser Zeit umfasste das Hofland 82 Tage Ackerland und fünf große Wiesen – dazu den Tiergarten, den Viehgarten, den Hopfengarten und fünf weitere Gärten mit Obstbäumen, Kappes, (Weißkohl), Rüben, Flachs und Küchenkräutern.

Graf Georg I. von Nassau Beilstein erwarb für den Wirtschaftshof im Jahre 1611 in Wallendorf und Haiern mehrere Wiesen und Viehtriebstücke. Zur Bewirtschaftung des Hofes setzte der Graf auch nötigenfalls sogenannte Geiselleute ein. Diese lieferten die auf dem Hof erzeugten Produkte wie Milch, Butter und Käse.

In der Zeit, in der das Beilsteiner Schloss nicht bewohnt war, musste der Hof seine Erzeugnisse nach Dillenburg bzw. nach Diez liefern.  

 

 

                                                                                                                           

                                                                                                                                                                                                                                

                                                                                                                                                                                                                                                                      

                                                                                                       

                                                                                                       Das Beilsteiner Schloss

                                                                                                       mit Wirtschaftshof

                                                                                                       in einer Ansicht

                                                                                                       von 1775

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bild: Arnold W. Fitzler

 

Im Jahre 1759 erhielt Johannes Tropp aus Herborn die Pacht des Hofes. Das Hofland umfasste damals 130 Morgen Wiese, 3 Morgen Wüstenei, 110 Morgen Ackerland und etwa 2 Morgen Garten. Der Hofpächter galt als Fachmann auf dem landwirtschaftlichen Gebiet. Er machte der nassauischen Regierung Vorschläge den Ackerbau sowie den Wiesenbau zu verbessern. Dieser Vorschlag wurde aber erst in späteren Jahren durchgeführt – als auf dem Westerwald große Hungersnot herrschte.

Da der Hof wohl das beste Land besaß, blieb für die Bauern der Gemeinde wenig Raum für eigene Landwirtschaft. Auch standen sie mit dem Hofpächter Tropp in keinem guten Verhältnis. Er hatte eine verhältnismäßig große Viehweide - und da die Gemeinde nur wenig Weide besaß, waren sie auf die gemeinsame Beweidung der abgeernteten Felder und Wiesen des Hoflandes angewiesen.

Viele Jahre versuchten die Beilsteiner, Haierner und Wallendorfer Bürger die Ländereien des Hofes an sich zu bringen.

Aber erst im Jahre 1787 entschied Graf Wilhelm V. von Nassau Diez, dass nach Ablauf der Pacht des Hofpächters Tropp das Land des Hofguts für 800 Gulden der Gemeinde in Erbleihe gegeben werden sollte.

Ab dem  Jahre 1876 wurde dann das Hofland parzellenweise an die Einwohner von Beilstein verkauft – und somit war das Ende des herrschaftlichen Hofes in Beilstein eingeleitet.

Rund 100 Jahre bestand die Erbleihe des Hofes mit den Gesamtgemeinden, dann wurde er an die Bürger verkauft. Er kam in Privatbesitz. 1898 kaufte ihn Jacob Roos. Auf der ehemaligen Hofreite stand in den 1970/80 Jahren  noch das Wohnhaus mit einem Stall-und Scheunenteil. Die Eigentümer betrieben hier eine Tankstelle. Die Firma Rezek hat in den Jahren 1999/2000 Stall und  Scheune des Erbleihhofes renoviert und führt darin ein Heizungs- und Sanitärgeschäft. Am eigentlichen Wohnhaus war jahrelang nichts mehr instandgesetzt worden. Dieses ruinöse Gebäude drohte einzustürzen und stand kurz vor dem Abriss.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

           völliger Zerfall, der Abriss droht...                                                                        ein Schmuckstück nach der Renovierung.

 

Wegen seiner Historie und der noch zu rettenden Fachwerkcharakteristik entschloss sich Udo Sartorius aus Weilburg im Jahre 2012 das Haus zu kaufen und von Grund auf zu restaurieren. 2014 erwarb es Raimund Würz aus Mademühlen. Heute dient das Schmuckstück den Betreibern des gegenüberliegenden Landhauses „Hui Wäller“ als ergänzendes Nebenhaus. Beide Gebäude sind eine erhebliche Bereicherung für den Ort Beilstein und die nahe gelegen Schlossanlage.

                                                                                                                                                    

Quelle: Aus dem Fundus des HGV-Beilstein             

 

Beilstein, 24.06.2015 Brigitte Funk